Patrick Hertweck

Und das nächste Interview! Auch hier war ich mega aufgeregt. Mit Maggie und die Stadt der Diebe“ lässt er nicht nur junge Herzen höher schlagen. Mit seinem Debütroman hat er einen wahnsinns Start hingelegt und nun freut euch auf: Patrick Hertweck!

 

Hallo Patrick, schön dass Du Dir Zeit genommen hast. Ich stürz‘ mal gleich mit der Tür ins Haus; ist eine Fortsetzung zu „Maggie und die Stadt der Diebe“ geplant?

(Patrick lacht) Das werde ich überraschend häufig gefragt, obwohl „Maggie und die Stadt der Diebe“ eigentlich in sich abgeschlossen ist, auch wenn am Ende – zugegeben – eine Frage offen bleibt. Dies liegt allerdings in erster Linie daran, dass ich es mag, wenn am Ende eines Buches nicht alles komplett gelöst wird und die Leser die Geschichte in den Köpfen noch ein wenig weiter spinnen können. Aber es würde mich schon reizen, Maggies Geschichte weiterzuerzählen und in einem Folgeroman mehr über ihre Kameraden und deren Leben zu verraten. Außerdem habe ich ein Geheimnis über Maggies Vergangenheit noch für mich behalten, das ich irgendwann preisgeben möchte.

Nachdem ich das Wichtigste in Erfahrung gebracht habe, geht es nun entspannt weiter. Sag uns etwas über Dich. Wie können wir uns Patrick Hertweck vorstellen? Beschreibe Dich bitte mal.

Diese Frage hatte ich schon befürchtet. Es ist gar nicht so einfach, sich selbst zu beschreiben – für mich jedenfalls. Ich lebe recht zurückgezogen mit meiner Frau und meinen drei kleinen Söhnen in Freiburg im Breisgau. Nach einer langjährigen Tätigkeit in einem Medienunternehmen habe ich vor etwa vier Jahren beschlossen, das Schreiben zu meinem Beruf zu machen. Mein Leben verlief alles andere als geradlinig. In allem, was ich tat, war ich stets ein Quereinsteiger und bin es darum gewohnt, viel Zeit und Energie zu investieren, um ein Ziel zu erreichen, das ich dann auch ziemlich stur verfolge. Es hat also eine Weile gedauert, bis ich es gewagt habe, mit meinen Texten in die Öffentlichkeit zu gehen. Und ich bin immer noch überrascht und dankbar, wie schnell dann alles ging, denn heute brauch man auch eine Portion Glück, um von Agenten und Verlagen überhaupt wahrgenommen zu werden. Meine eigene Jugend in der Badischen Provinz war geprägt von den Geschichten, die ich gelesen habe, von den Romanhelden, die mir begegnet sind und die auch nachhaltig meine eigene Phantasie beflügelt haben. Nun hoffe ich, ein breites Publikum mit Stoffen zu finden, die unterhalten, eine eigene Handschrift tragen, den Leser in eine andere Welt entführen und Figuren beinhalten, die in den Köpfen haften bleiben.

Dein Buch kommt bei Kindern und Erwachsenen gleich gut an. Wie bist Du darauf gekommen, Maggie durch die Straßen von New York irren zu lassen, um die Spuren ihrer Vergangenheit aufzudecken?

Durch puren Zufall! Auf dem Rückweg vom Kindergarten kam ich regelmäßig an einem kleinen Antiquariat in Freiburg vorbei, wo ich oft in der Auslage herumblätterte. Eines Tages fiel mir dort eine Chronologie über das New Yorker Bandenwesen von 1924 in die Hände. Ich habe angefangen zu lesen und war sofort gebannt von der Welt, die dort beschrieben wurde. Sie ähnelte dem Viktorianischen London und war doch etwas Neues. Ich habe also das Büchlein gekauft und fand darin die Geschichte des letzten zum Tode verurteilten Piraten Amerikas: Albert W. Hicks. Seine Geschichte faszinierte mich auf Anhieb und zugleich kam sie mir irgendwie merkwürdig vor. Meine Fantasie war angeregt und rasch hatte ich die Hintergrundgeschichte meines Romans entworfen. Jetzt benötigte ich noch die eigentliche Handlung. Eine Weile grübelte ich und kam nicht recht weiter, bis ich vor meinem inneren Auge ein Mädchen durch die Gassen Lower Manhattans irren sah. Da wusste ich, so soll mein Buch beginnen. Ohne zu wissen, wer das Mädchen war und wie sie in diese fremde abstoßende Welt geraten ist, begann ich mit dem ersten Kapitel. Und dann ergab sich alles fast wie von selbst, als hätte Maggies Abenteuer die ganze Zeit nur darauf gewartet, in Worte gegossen zu werden.

Haben Deine Kinder Dich bei der Figur Maggie inspiriert? Oder hast du eventuell sogar einer Figur das Leben von eines Deiner drei Kinder eingehaucht?

Bewusst zumindest nicht. Aber alle Figuren (ob Held oder fieser Bösewicht), denen man als Autor Leben einhaucht, beruhen auf Begegnungen mit Menschen sowie Gefühlen und Charakterzügen, die man selbst in sich trägt. Das ist meine Überzeugung. Um etwa die Verzweiflung und das Handeln Goblins darstellen zu können, musste ich mich ein Stück weit in ihn hineinfühlen können, damit ich ihn glaubhaft zu Papier bringen konnte. Und Maggie ist vermutlich ein Mädchen, das ich mir als Tochter heimlich gewünscht hätte. (Patrick lacht wieder)

Wie lange hast du an „Maggie“ geschrieben? War der Beginn ein bestimmter Knackpunkt in Deinem Leben?

Für die Rohfassung habe ich etwa drei Monate gebraucht. Und ich würde diese drei Monate im Herbst vergangenen Jahres tatsächlich als Knackpunkt in meinem Leben bezeichnen, denn erstmals musste ich zum Schreiben nicht in die Nachtstunden oder die wenige „kinderfreie“ Zeit ausweichen, sondern konnte mich jeden Tag unter der Woche für etwa 5 Stunden dafür zurückziehen.

Verrätst Du uns, wo du die meiste Zeit geschrieben hast? Einige Autoren schwören ja auf ein gut besuchtes Café. Brauchst Du auch diese Atmosphäre um Dich herum?

Ja, das ist für mich auch enorm wichtig. Das ideale Klima zum Schreiben finde ich in der Öffentlichkeit, wo ich mich, umgeben von Menschen und einem angenehmen Geräuschpegel, in eine Ecke verkriechen und in die Welt abtauchen kann, in der meine Geschichte spielt. Für Maggie war es eine düstere Eckkneipe in Freiburg, gleich um die Ecke vom hiesigen Gefängnis. Allerdings besteht die Arbeit nicht nur aus dem Schreiben. Für „Maggie und die Stadt der Diebe“ habe ich viel Zeit mit der Recherche verbracht und unzählige Bücher gewälzt. Da lag ich abends, bewaffnet mit einem Bleistift, schon mal eine Stunde in der Wanne, da ich jede freie Minute nutzen wollte.

Du hast mit „Maggie“ einen Volltreffer gelandet. Was bedeutet es für Dich als Autor, dass Dein Buch so gut bei den Lesern ankommt?

Dass ich mit Maggie einen „Volltreffer“ gelandet habe, muss man noch abwarten. Noch weiß ich nicht, wie viele Buchhändler Maggie ins Programm und wie viele Leser dort draußen sie mit zu sich nach Hause nehmen werden. Aber die bisherigen Reaktionen stimmen mich natürlich sehr glücklich und erleichtern mich auch ungemein, denn zuvor hatte ich für alles, was ich geschrieben habe, nicht einmal eine Handvoll Leser. Das heißt: Ich hatte keine Ahnung, ob andere meinen Geschmack teilen, der sich natürlich in meinem Roman in jeder Zeile wiederfindet. Ich wollte unbedingt ein Buch für Kinder ab 11 Jahre etwa schreiben, das auch mir heute noch gefallen würde und darum auch bei junggebliebenen Erwachsenen Leser findet. Es scheint so, als wäre dies gelungen.

Können wir uns in absehbarer Zeit über ein weiteres „Maggie“geladenes Abenteuer freuen?

Der Plan ist, dass mein nächstes Buch ein Jahr nach Maggie an den Start gehen wird. Ich hoffe, ich bekomme den Roman rechtzeitig fertig, denn mit drei kleinen Kindern und da meine Frau viel Zeit für Beruf und Ausbildung investieren muss, müssen wir oft improvisieren, um Freiraum für das Schreiben zu schaffen. Und im Spätjahr steht ja auch noch eine Lesereise für „Maggie und die Stadt der Diebe“ an. Die neue Geschichte soll natürlich in der Tradition Maggies stehen und auf einer ähnlichen Ebene funktionieren, ohne natürlich ihr Abenteuer abzukupfern. Das ist mir ungeheuer wichtig! Ich will mit jedem Buch neue Figuren und Schicksale beschreiben und meine Helden in ihre eigenen Abenteuer werfen.

Du liest bestimmt auch gerne. Wie heißen Deine Lieblingsautoren? Nenne ein Buch, welches Du uns unbedingt ans Herz legen möchtest.

Ich muss zugeben, dass ich erst sehr spät zum Lesen gekommen bin. Die erste Berührung mit geschriebenen Geschichten hatte ich mit sogenannten Grusel-Groschenheften und dann habe ich relativ rasch Stephen King für mich entdeckt, ein Autor, der mich sicherlich extrem geprägt hat. Ich schätze ihn noch heute, doch weniger als „King of Horror“, denn vielmehr als jemanden, der es wie kein anderer versteht, eine glaubhafte und detailgenaue Parallelwelt zu entwerfen und mich in diese derart zu entführen, dass ich alles um mich herum vergesse. Auch Rowlings Harry Potter war für mich eine ganz wichtige Leseerfahrung, denn die Reihe hat mich gelehrt, dass man mit Worten Orte der Zuflucht vom Alltag schaffen kann, die für viele Menschen zu einer Art zweiten Realität geworden sind, wo sie immer wieder Figuren begegnen können, die ihnen so ans Herz gewachsen sind, als würden jene tatsächlich existieren. Rowling hat das meisterhaft gemacht und wird unerreicht bleiben, aber ich gebe mein bestes, ihrem Beispiel nachzueifern. Welches Buch würde ich Euch ans Herz legen wollen? Schwierig! Es gibt so viele tolle Romane. Spontan würde ich „Qual“ nennen (im Original heißt das Werl übrigens „Blaze“, was ich viel schöner finde). Sicher kein bahnbrechendes Meisterwerk, aber ein ungewöhnlicher King mit einer (für mich) herzerweichend traurigen Geschichte und einem tragischen Helden im Mittelpunkt der Handlung.

Und die letzte Frage: Wie ist es für Dich, wenn Du schreibst?

Ganz ehrlich? Schreiben ist für mich oft harte und disziplinierte Arbeit, denn man sitzt Stunden über Stunden vor einer Seite, die erst einmal leer ist und sich manchmal weigert, sich mit irgendwas Brauchbarem befüllen zu lassen. Mitunter fließt eine Menge Schweiß (lacht) und es gibt durchaus Momente der Verzweiflung, aber irgendwann geschieht etwas, das sich merkwürdig anfühlt und was ich nie wieder missen möchte. Ich falle in die Welt und sehe alles vor mir und dann lasse ich mich treiben und oft kommt es mir vor, als würde plötzlich die Geschichte selbst das Zepter übernehmen, damit sie aus dem Verborgenen das Licht der Welt erblicken kann.

 

Wow, herzlichen Dank, dass Du uns so viel über Dich verraten hast und einige sehr interessante Informationen geliefert hast. Vielen Dank für das Interview.

Berlin, 24.08.2015